Kunstvoll verwobene Erzählstränge

Büchnerpreisträgerin Ursula Krechel las in der Büchnerstadt

Ursula Krechel steht im Büchnerhaus zwischen einem Gemälde Georg Büchners und eine Büste von ihm.
Ursula Krechel im Büchnerhaus.
Büchnerpreisträgerin Ursula Krechel sitzt auf der abgedunkelten Bühne der BüchnerBühne an einem Tisch. Auf dem Tisch liegt das Buch, aus dem sie lesen wird und stehen ein Mikrofon und ein Glas mit Wasser.
Büchnerpreisträgerin Ursula Krechel bei ihrer Lesung in der BüchnerBühne.

Die Freude auf die Lesung der aktuellen Büchnerpreisträgerin Ursula Krechel in der Büchnerstadt Riedstadt war spürbar groß: Seit Langem war die Veranstaltung des städtischen Kulturbüros in Kooperation mit dem Verein BüchnerFindetStatt (BFS) am 9. März in der BüchnerBühne Riedstadt ausverkauft. So füllte sich der Theatersaal am Abend rasch bis auf den letzten Platz mit erwartungsfreudigen Buchenthusiasten.  

BFS-Vorsitzender Werner Schmidt zeigte sich beeindruckt, dass „nach einem Bücherwochenende mit der Buchmesse im Ried im benachbarten Stockstadt so viele Bücherfreunde den Weg hierhin gefunden haben.“ Bürgermeister Marcus Kretschmann erinnerte an die liebgewordene Tradition, dass die Büchnerpreis-Trägerinnen und –Träger im Geburtsort Georg Büchners lesen. Eine Tradition, die durch die Pandemie mehrere Jahre unterbrochen wurde und erst ab 2023 wiederaufleben konnte. Seitdem ist das Interesse an den Büchnerpreisträger-Lesungen in der Region wieder riesig. Nach den begeistert aufgenommenen Lesungen von Emine Sevgi Özdamar und Lukas Bärfuss in den vergangenen Jahren war auch die Neugier der zahlreichen Büchner- und Bücher-Fans auf die Büchnerpreisträgerin 2025 ungebrochen groß.  

Sie wurden nicht enttäuscht. Ursula Krechel las aus ihrem jüngsten Roman „Sehr geehrte Frau Ministerin“. Sie ist eine große Stilistin, eine Meisterin präzise gesetzter Sprache für ihre großen Themen Migration, Exil, Gewalt und Feminismus. In ihrem Roman verwebt sie kunstvoll vier Erzählstränge, in denen es um verschiedene Spielarten von Gewalt gegen Frauen in der Geschichte und Gegenwart geht, um Machtstrukturen – seien sie politisch, gesellschaftlich oder wirtschaftlich – denen Frauen zum Opfer fallen.  

„Ich habe dieses Buch vier Wochen nach dem Ukrainekrieg begonnen und habe schnell über böse Männer nachgedacht“, erklärte Krechel mit feinem Lächeln. Schnell kam ihr der antike Kaiser Nero in den Sinn, der ein geradezu symbiotisches Verhältnis zu seiner Mutter Agrippina hatte. Agrippina verhalf ihm zur Macht, doch als sie ihm zu mächtig wurde, ließ Nero die Mutter ermorden.  

Nero und seine Mutter bilden einen der vier Erzählstränge des Buches, doch konsequent von Agrippina aus erzählt. Auch die übrigen drei Erzählstränge sind um Frauen gewoben. Als da wären: Eva Patarak, Fachverkäuferin in einem Kräuterladen, der wegen Unrentabilität geschlossen wird und Mutter eines erwachsenen Sohnes, der sich von ihr durchfüttern lässt. Die „Frau mit der roten Mütze“, die sich im Laufe des Buches als Lateinlehrerin Silke Aschauer und eigentliche Erzählerin entpuppt sowie die titelgebende, aber namenslos bleibende Ministerin.  

All das umriss Krechel in kurzen Erläuterungen, um sich dann der Verständlichkeit halber auf zwei Erzählstränge zu konzentrieren: Eva Patarak, die sie in ihrem Kräuterladen denken lässt „Gibt es mehr Frauen, die sich immer schämen? Die sich ihres Ungenügens bewusst sind? Frauen, die sich nach ichweißnichtwas sehnen?“ Und die Ministerin, der das Publikum mit Krechel zu einer Stippvisite in ihren Wahlkreis und ihrer Familie folgte. Dazu las die Autorin auch einige in das Buch eingestreute Schreiben an die Ministerin, die immer mit dem Titel des Buches beginnen: „Sehr geehrte Frau Ministerin.“  

Zum Schluss trug Krechel noch Passagen aus dem Essayband „Vom Herzasthma des Exils“ vor. Darin untersucht sie Etappen und Widersprüche von Flucht und Migration von der französischen Revolution bis in die Gegenwart. Ihr Publikum dankte es ihr mit langanhaltendem Applaus und ließ sich im Anschluss noch von ihr im Theaterfoyer Bücher signieren.  

Der Besuch in der Büchnerstadt hatte für Ursula Krechel mit einer Führung durch das Büchnerhaus begonnen. BFS-Vorsitzender Werner Schmidt zeigte ihr in Begleitung von Kulturbüroleiter Marco Hardy die Dauerausstellung zu Leben und Wirken Georg Büchners und seiner Familie. Die preisgekrönte Autorin nahm sich viel Zeit dafür, bevor es dann von Goddelau nach Leeheim ging und zu der abendlichen Lesung, die nicht nur in Kooperation der Büchnerstadt mit BüchnerFindetStatt stattfand, sondern auch durch die Unterstützung durch den Energieversorger entega.