Renaturierung von Stromtalwiesen am hessischen Oberrhein

Aktuelles

Exkursion: Die englische Delegation besichtigt Stromtalwiesen in der Leeheimer Gemarkung
Exkursion: Die englische Delegation besichtigt Stromtalwiesen in der Leeheimer Gemarkung

7. - 9. Juni 2017: Eine zehnköpfige Delegation des britischen Floodplain Meadows Partnerships (Auenwiesen Partnerschaft, siehe: http://www.floodplainmeadows.org.uk/) unter Leitung von Professor David Gowing hat die Stromtalwiesen am hessischen Oberrhein besucht.

Im Zentrum des Interesses standen dabei die in Leeheim, Erfelden und auf dem Kühkopf vorkommenden äußerst artenreichen alten Stromtalwiesen sowie die in Riedstadt seit dem Jahr 2000 (mit einer Pilotmaßnahme im Jahr 1997) durchgeführten großflächigen Auenwiesen-Renaturierungsmaßnahmen.

Auf dem Programm standen neben den Wiesen auch ein kurzer Empfang beim Riedstädter Bürgermeister Markus Kretschmann im Rathaus in Goddelau sowie der Besuch des Kühkopf-Informationszentrums und der alten und seit 1983 neu entstandenen Auwälder auf dem Kühkopf.
Zum Abschluss des Besuchs fuhr die Gruppe ins stromaufwärts gelegene Lampertheim, wo die zusammen mit den Vorkommen in Riedstadt am besten ausgeprägten alten Stromtalwiesen am hessischen Oberrhein zu finden sind. Dort konnten auch gerade erst im letzten Herbst durchgeführte Renaturierungsmaßnahmen zur Neuanlage von Stromtalwiesen und eines Auwaldes angeschaut werden.   
Die Gruppe wurde vom Riedstädter Projektleiter Matthias Harnisch – der auch die Organisation des Besuchs übernommen hatte - und von Professor Norbert Hölzel von der Universität Münster geführt. Ergänzend steuerte Ralph Baumgärtel auf dem Kühkopf sein großes Fachwissen bei, während in Lampertheim der dortige Projektleiter Alexander Ochmann die Renaturierungsmaßnahmen erläuterte.

Die englischen Besucher zeigten sich tief beeindruckt von der Vielfalt der Landschaft inmitten des Ballungsraums Rhein-Main-Neckar und dem Artenreichtum und den vielfältigen Ausprägungen der Stromtalwiesen am hessischen Oberrhein. Je nach Höhenlage – und der dadurch bedingten Überflutungshäufigkeit – finden sich feuchtere und trockenere Wiesen, die sich durch ein ganz spezifisches Arteninventar auszeichnen, wobei die Übergänge fließend sein können. So sind beispielsweise auf den Riedstädter Wiesen aufgrund des niedrigen Grundwasserstands und der – mit Ausnahme des Sommerhochwassers 2013 – fehlenden Überschwemmungen derzeit sichtbar die Pflanzen im Aufwind, die trockenere Standorte bevorzugen. Damit konnten die englischen Besucher auch direkt eines der Grundmerkmale der Landschaft am hessischen Oberrhein sichtbar erleben, nämlich die starken Wasserstandsschwankungen, die bis zu 7 m Unterschied zwischen dem Höchststand des Rheins und dem niedrigsten Stand ausmachen können – und dementsprechend zu einer sehr hohen Dynamik in den Lebensräumen am Fluss führen. Es wird hier von einem sogenannten Ziehharmonika-Effekt gesprochen: In trockenen Jahren dringen Trockenheit liebende bzw. tolerierende Arten in tiefer gelegene, potentiell feuchtere Bereiche vor, in feuchten Jahren ist es umgekehrt. Diese Dynamik wird noch dadurch verstärkt, dass die Hochwasser am Rhein weder regelmäßig noch immer in der gleichen Jahreszeit auftreten.
Im Gegensatz dazu sind die in England vorkommenden Stromtalwiesen in der Regel durch einen höheren und stabileren Grundwasserpegel und durch verlässlicher und regelmäßiger auftretende Hochwasserereignisse geprägt.  So waren die englischen Fachleute äußerst erstaunt darüber, dass in Riedstadt Stromtalwiesen auf Flächen vorkommen, bei denen der Grundwasserstand wie derzeit auf mehr als 3 m unter Geländeoberkante fallen kann. Dementsprechend ist die Artenzusammensetzung auf den hiesigen Wiesen insgesamt vielfältiger als auf vergleichbaren englischen Flächen, da sich auf den Wiesen am Rhein Arten finden, die sowohl temporäre Überflutungen wie auch starke Trockenheit aushalten müssen.

Die Besuchergruppe aus England zeigte sich zudem tief beeindruckt über den Umfang und den Erfolg der in Riedstadt seit 20 Jahren durchgeführten Stromtalwiesen-Renaturierungsmaßnahmen. Der Riedstädter Projektleiter Matthias Harnisch hatte die Führung so konzipiert, dass die Besucher neben den alten Stromtalwiesen in den Naturschutzgebieten, die als Ausgangsflächen für die Renaturierungsmaßnahmen dienen, sämtlich Stadien der neuen Wiesen von den ältesten, vor 20 Jahren neu angelegten bis zu den jüngsten Renaturierungsflächen aus dem Jahr 2015 und 2016 ansehen konnten.
Auch hier zeigen sich gravierende Unterschiede zu den Verhältnissen in England, die in diesem Fall aber eher administrative Aspekte betreffen: In England sind die meisten Naturschutzflächen in Privateigentum. Dadurch ist ein deutlich höherer Verhandlungsaufwand für die Durchführung von Naturschutzmaßnahmen notwendig und alle Vereinbarungen müssen vertraglich geregelt werden – und bei jedem Eigentümerwechsel muss neu ausgehandelt werden, wie die naturschutzwürdigen Flächen gesichert werden und wie diese Sicherung finanziert wird. Vor diesem Hintergrund - und sicherlich auch vor dem Hintergrund des Brexit, der von den englischen Naturschützern als große Bedrohung wahrgenommen wird, da weitergehende rechtliche Rahmenbedingungen der EU aber auch erhebliche Finanzierungsmöglichkeiten wegbrechen – erschien den englischen Besuchern die Situation hier fast paradiesisch, da der weitaus überwiegende Teil der Naturschutzflächen im Besitz der öffentlichen Hand – und damit stärker gesichert - ist.  

Nach drei sehr intensiven Tagen kehrten die Besucher aus England dann mit sehr vielen Eindrücken zurück auf die Insel.

 

Der Riedstädter Projektleiter Stromtalwiesen übergibt in York den Kollegen des FMP zwei Sektpräsente aus Riedstadt
Der Riedstädter Projektleiter Stromtalwiesen übergibt in York den Kollegen des FMP zwei Sektpräsente aus Riedstadt

9./10.05.2017: Der Projektleiter für die Riedstädter Stromtalwiesen, Matthias Harnisch, nahm auf Einladung des britischen „Floodplain Meadow Partnerships“ („Auenwiesen Partnerschaft“) am 9. und 10. Mai an der Konferenz „Floodplain meadows for the future“ („Auenwiesen für die Zukunft“) im nordenglischen York teil. Dort stellte er in einem Vortrag vor 130 Teilnehmern das Riedstädter Stromtalwiesenprojekt vor und besichtigte mehrere Auenwiesen in der Region.  

Das Floodplain Meadow Partnership (FMP) ist eine Dachorganisation für alle, die in England und Wales mit Auenwiesenschutz beschäftigt sind. Koordiniert wird die Arbeit des FMP von der Open University in Milton Keynes unter Leitung von Professor David Gowing. Das FMP sammelt an zentraler Stelle alle ökologisch relevanten Daten wie die Vegetationszusammensetzung der Wiesen, Wasserhaushalt, Bodenverhältnisse usw. und stellt diese Daten für die weitere Forschung, aber auch für den praktischen Naturschutz vor Ort zur Verfügung.  

Es besteht schon seit längerer Zeit ein fachlicher Austausch zwischen den in Riedstadt mit dem Stromtalwiesenschutz und deren Renaturierung befassten Personen und den englischen Kollegen. Dieser Austausch wird im Juni dieses Jahres weiter vertieft, wenn eine zehnköpfige Delegation des FMP nach Riedstadt kommen wird, um die hiesigen Stromtalwiesen zu besuchen.  

Weitere Informationen siehe: http://www.floodplainmeadows.org.uk    

Das Foto stammt von Dr. Michael Dodd und zeigt (von links) Matthias Harnisch, Professor David Gowing (Project director FMP), Emma Rothero (Outreach coordinator FMP) und Dr. Irina Tatarenko (Open University Milton Keynes). 

Oktober 2015: Auf einer knapp 1 Hektar großen Fläche vorm Hahnesand in der Gemarkung Erfelden wurde im Oktober Mahdgut von artenreichen Spenderstromtalwiesen aufgebracht. Die Gesamtfläche der im Rahmen der verschiedenen Stromtalwiesenprojekte neu angelegten bzw. renaturierten Stromtalwiesen beläuft sich damit auf 72 Hektar.

Oktober 2014: Fortsetzung der Renaturierungsmaßnahmen: Eine über 2 Hektar große Fläche östlich des Naturschutzgebietes "Riedwiesen von Wächterstadt" konnte mit hochwertigem Spendermahdgut aus umliegenden alten Stromtalwiesen bestückt werden.

20. Mai - 12. Juni 2014: Vegetationskundliche Erfolgskontrolle auf den Riedstädter Stromtalwiesen: Die Kartierungsarbeiten wurden von der Botanikerin Dr. Dorota Michalska-Hejduk durchgeführt. Die Erfolgskontrolle zeigt, dass die Riedstädter Renaturierungsmaßnahmen sehr erfolgreich waren und die neuen Wiesen äußerst artenreich sind und dabei eine Vielzahl an geschützten und gefährtdeten Arten aufweisen. Eine Zusammenfassung der ersten Ergebnisse findet sich hier.

7. April 2014: Die Fraport AG fördert das Riedstädter Stromtalwiesenprojekt nach 2005 und 2010 bereits zum dritten Mal aus ihrem Umweltfonds. Die neuen Mittel in Höhe von 10.000 Euro dienen zweckgebunden der Erfolgskontrolle auf den neuen Stromtalwiesenflächen in Erfelden und Leeheim und wurden der Stadt vom  Vorstandsvorsitzenden der Fraport AG, Herr Dr. Stefan Schulte, am 7. April 2014 übergeben.

20. Februar 2014: Erscheinungstermin des Fachbuchs „Verwendung von Mahdgut zur Renaturierung von Auengrünland“, das der Leiter des städtischen Stromtalwiesenprojektes Matthias Harnisch zusammen mit den Projektbetreuern der Justus-Liebig-Universität Gießen verfasst hat. Das Buch wird vom renommierten Ulmer Verlag in Stuttgart herausgegeben. In das Buch sind die langjährigen Erfahrungen, die die Autoren mit der Renaturierung von Stromtalwiesen in Riedstadt gemacht haben, eingeflossen. Leseprobe und Bestellmöglichkeit beim Ulmer-Verlag hier.

7. März 2013: Neu: Flyer Stromtalwiesen (Geopark Bergstraße Odenwald / Stadt Riedstadt), hier herunterladen (pdf)

5. März 2013: Bei einem Fachbesuch informierte sich die georgische Umweltministerin Khatuna Gogaladze auch über das Riedstädter Stromtalwiesenprojekt. Weitere Informationen dazu hier

Wanderweg zu den Stromtal-Auenwiesen

Gemeinsam mit dem Geopark Bergstraße-Odenwald hat die Stadt Riedstadt einen Wanderweg zu den Stromtal-Auenwiesen in Leeheim und Erfelden konzipiert. Dieser Weg wurde im Juni 2008 eingeweiht und steht seitdem der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung. Auf 9 km Weglänge können die Besucher anhand von 10 Erläuterungstafeln die Besonderheiten dieses Wiesentyps sowie die Maßnahmen zu seinem Schutz kennen lernen. Ausgangspunkt des Wanderweges ist bei Tafel 1 am Parkplatz Rheindeich in Höhe der Telekom-Satellitenüberwachungsstation (Verlängerung der Schusterwörthstraße in Leeheim, Richtung Rhein). Der Rundweg führt von hier aus entlang des Rheindeiches zum Naturschutzgebiet Bruderlöcher und von dort aus weiter über die Naturschutzgebiete Michelried und Riedwiesen von Wächterstadt zurück zum Ausgangspunkt. Sie können eine Übersichtskarte als PDF herunterladen.

Weitere Informationen zum Weg finden Sie auch auf den Seiten des Geoparks Bergstraße-Odenwald.


Ansprechpartner bei der Stadt Riedstadt:

Matthias Harnisch

Projektkoordination "Stromtalwiesen", Grünflächenmanagement

Raum:304 (3. Stock)

Telefon:06158 181-322

Telefax:06158 181-301

E-Mail:

Texte und Fotografien, wo nicht anders gekennzeichnet:
© Matthias Harnisch, Stadt Riedstadt

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