Wenn aus Fremden Freunde werden

Seit über 25 Jahren engagieren sich „Freunde von Tauragė“ für Riedstadts litauische Partnerstadt

Die Hilfstransporte standen lange im Mittelpunkt der Partnerschaft zwischen Riedstadt und Tauragė
Die Hilfstransporte standen lange im Mittelpunkt der Partnerschaft zwischen Riedstadt und Tauragė

Am Anfang einer gewachsenen und intensiven Städtefreundschaft stand ein persönlicher Kontakt – vor allem aber viel Offenheit, Tatendrang und Neugier auf ein Land und seine Menschen, das zwar in Europa lag, aber nicht nur von der Entfernung unendlich weit weg wirkte.  

Als es in Riedstadt erste Überlegungen für eine Städtepartnerschaft mit der litauischen Stadt Tauragė gab, war Litauen erst seit wenigen Jahren wieder unabhängig. 1990 hatte es sich als erste Unionsrepublik der Sowjetunion zum souveränen Staat erklärt. Bereits drei Jahre später und noch vor der offiziellen  Besiegelung der Verschwisterung - im Sommer 1993 in Riedstadt, 1994 in Tauragė - gründete sich im Januar 1993 in Riedstadt der gemeinnützige Verein „Freunde von Tauragė.“ „Ich fand das so progressiv und mutig. Eine Städtepartnerschaft in ein Land der ehemaligen Sowjetunion mit all seinen Problemen war etwas ganz Neues“, erinnert sich der heutige Vorsitzende Klaus Minter, der eher zufällig zur Gründungsversammlung gegangen und gleich zum Kassierer gewählt worden war.  

Die Initiative zu der ungewöhnlichen Verschwisterung ging von Dr. Leonas Gudelis aus. Der Arzt im Philippshospital stammte aus Tauragė. Eine kleine Riedstädter Delegation um den damaligen Bürgermeister Andreas Hoffmann, Kurt Ernst, dem kaufmännischen Direktor des Philippshospitals und Gudelis fuhr mit dem Zug zu ersten Sondierungsgesprächen nach Litauen, erzählt Erika Zettel, langjährige Erste Beigeordnete und Erste Stadträtin Riedstadts, die sich ebenfalls von Anfang an in der Jumelage engagierte. Die Begeisterung war auf beiden Seiten groß. Doch ebenso klar war, dass die damalige Gemeinde Riedstadt die vielfältigen Aufgaben einer Verschwisterung weder zeitlich noch personell alleine bewältigen konnte. So gründeten sich als „Arbeitsebene“ die „Freunde von Tauragė“. Herz und treibender Motor des Partnerschaftsvereins war von Anfang an Kurt Ernst, erzählt bewegt Klaus Minter. Ernst war seit der Gründung bis zu seinem Tod mit 65 Jahren nach schwerer Krankheit 2012 Vorsitzender des Vereins, sein langjähriger Stellvertreter Minter wurde sein Nachfolger.    

Die Idee des Partnerschaftsvereins fanden auch die Litauer so überzeugend, dass sie ebenfalls noch 1993 einen Verein gründeten, erster Vorsitzender wurde der Lehrer Rene Barščiauskas. „Er wollte es dann aber in jüngere Hände geben und so wurde Ende 1993, Anfang 1994 Vilius Petrauskas Vorsitzender“, erzählt Minter. Der Chirurg am Krankenhaus ist es bis heute geblieben und Minter schätzt seine „herzerfrischende, offene Zusammenarbeit“ – und nennt auch noch ein aktuelles Beispiel für seine Findigkeit: „Ich brauchte einen litauischen Chorsatz von „Freude, schöner Götterfunken“ und Petrauskas, der selber überhaupt keine Ahnung von Chormusik hat, hat natürlich einen besorgt.“ So wird der Projektchor beim Festakt der Riedstädter Verschwisterungsjubiläen am Freitag, 24. Mai, in der Christoph-Bär-Halle die Europahymne mit Friedrich Schillers Text auch auf Litauisch singen. Vor allem aber sagt der Riedstädter Vereinsvorsitzende über sein Pendant in Tauragė: „Auch wir hatten einen Lernprozess nötig. Er hat es uns ermöglicht, ohne schulmeisterlich zu sein.“  

Die humanitäre Hilfe für die Freunde in Tauragė ist bis heute ein wichtiger Teil der Vereinsarbeit. Ganz besonders jedoch galt das für die Anfangsjahre. „Es waren wirklich furchtbare Zustände. Doch es gab dort einen großen Willen und eine hohe Moral, die Dinge dort zu ändern“, zeigt sich Minter beeindruckt. Auf beiden Seiten war da die Bereitschaft, Dinge gemeinsam mit viel Enthusiasmus zum Besseren zu entwickeln. So hielt der Wolfskehler Landwirt Karl Molter nichts von der Idee, seinen litauischen Kollegen wie von ihnen gewünscht Landmaschinen zu besorgen, die von Pferden gezogen werden sollten. Stattdessen zeigte er Praktikanten aus Tauragė über eine Vegetationsperiode hinweg die Arbeit auf seinem Hof, besorgte Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse. Auf seine Kosten holte er in den Sommerferien immer einen Bus mit litauischen Kindern nach Riedstadt, die dann bei Gasteltern unterkamen, und wollte zu Geburtstagen statt Geschenken Geldspenden für Tauragė, berichtet Minter über den mittlerweile verstorbenen Landwirt.  

Die „Freunde von Tauragė“ organisieren nach wie vor humanitäre Hilfstransporte in die Partnerstadt. Doch vor allem sind im Laufe der Zeit tiefe Freundschafen entstanden, haben Riedstädter und Tauragėr sich bei ihren regelmäßigen Besuchen gegenseitig kennen- und schätzen gelernt. Was einmal so weit weg wirkte, wurde nah und vertraut. Und es kommen immer wieder neue Gesichter dazu. „Wir haben eigentlich bei jeder Reise jemand neues dabei. Das freut uns sehr, dafür muss man auch nicht Vereinsmitglied sein“, sagt Minter.  

Weitere Informationen über den Freundschaftsverein „Freunde von Tauragė“ gibt es im Internet auf www.taurage.de oder telefonisch beim Vereinsvorsitzenden Klaus Minter unter 06158  5881. Fragen über den Arbeitskreis Verschwisterung oder die beiden Arbeitsgruppen zu den anderen beiden Riedstädter Partnerstädten Brienne-le-Château in Frankreich und Sortino in Italien beantwortet gerne das Kulturbüro der Stadt Riedstadt. Ansprechpartner sind Anja Stark und Marco Hardy (Telefon 06158 93084-1/-2).  

Unser Archivfoto aus dem Jahre 2007 zeigt (von links) den damaligen Vorsitzenden des Vereins „Freunde von Tauragė“, Kurt Ernst (+), den ehemaligen Riedstädter Bürgermeister Gerald Kummer sowie die beiden LKW-Chauffeure Karlheinz Effertz und Manfred Gollenbeck