Stolpersteine als Mahnung und Erinnerung

Am 10. November kommt der Künstler Gunter Demnig zum siebten Mal nach Riedstadt

Familie Mayerfeld aus Crumstadt (Quelle: www.geni.com.de)
Familie Mayerfeld aus Crumstadt (Quelle: www.geni.com.de)
Bildpostkarte von Leeheim
Bildpostkarte von Leeheim
Besuch aus Amerika 1991: Herta Baer geb. Moses mit ihrem Ehemann und dem Leeheimer Alt-Bürgermeister Heinrich Bonn bei der Nachbarin Greta Jung in der Kirchstr. 34
Besuch aus Amerika 1991: Herta Baer geb. Moses mit ihrem Ehemann und dem Leeheimer Alt-Bürgermeister Heinrich Bonn bei der Nachbarin Greta Jung in der Kirchstr. 34

Zum Gedenken an die Opfer des deutschen Faschismus werden seit Februar 2014 auch in Riedstadt Stolpersteine verlegt. Das europaweite Kunstprojekt von Gunter Demnig will den vielen verfolgten und ermordeten Nachbarn mit den kleinen Betonquadern im Bürgersteig vor deren letztem frei gewählten Wohnsitz ein Denkmal zur Mahnung und Erinnerung setzen. Stolpersteine haben das Ziel, den Opfern den von den Nazis ausgelöschten Namen für die zukünftige Erinnerung zurückzugeben. Nun ist für Freitag, 10. November bereits die siebte Verlegung in Riedstadt geplant. Ab 11:00 Uhr versammeln sich Interessierte in der Walther-Rathenau-Straße 23 in Crumstadt zu einer Gedenkfeier.  

Die Verlegung wurde wieder intensiv von der Projektgruppe des Fördervereins Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau vorbereitet. Die Gruppe unternahm umfangreiche Recherchen zu den Lebensschicksalen jener Personen, an die mit den kleinen Messingtafeln erinnert werden soll. In einem Faltblatt, das an verschiedenen öffentlichen Stellen ausliegt, werden die Ergebnisse dieser Recherchen zusammengefasst.  

Insgesamt werden am 10. November sechs Stolpersteine in Crumstadt und erstmals acht Steine in Leeheim verlegt. Die Uhrzeit der Verlegung in Crumstadt wurde kurzfristig vorverlegt, um Familienangehörigen der Familie Mayerfeld aus England eine Teilnahme zu ermöglichen. Gunter Demnig hat daher seine Bereitschaft erklärt, dass diese Steine ausnahmsweise nicht von ihm persönlich, sondern von einem städtischen Mitarbeiter verlegt werden.  

In der Walther-Rathenau-Straße 23 betrieben Ferdinand Mayerfeld und seine Frau Katharina eine Mehl- und Getreidehandlung. Von den sieben Kindern der Familie verstarben die ersten beiden – Zwillinge – bereits nach zwei Monaten. Schon in den 1920er Jahren wanderte Sohn Manfred nach Amerika aus; die beiden Töchter Emma und Clara flüchteten bereits Anfang der 30er Jahre mit ihren Familien ebenfalls nach Amerika.  

Der jüngste Sohn Sali (* 1904) heiratete 1932 Helene, geb. Heidingsfeld, aus Frankfurt. Im September 1938 wanderte er mit seiner Familie – zwei Söhne waren 1933 (Martin) und 1935 (Bernhard) geboren worden – in die USA aus. Dort wurde später Tochter Nechama geboren. Erst 1940 folgten die Eltern, Ferdinand und Katharina. Zunächst in Vineland, New Jersey, später in Norma baute sich die Familie eine neue Existenz auf. Sali Mayerfeld starb 1991 und seine Frau Helene 1998 in Bridgeton, N.Y.  

Alle Mitglieder der Familie Mayerfeld haben heute noch engen Kontakt untereinander und sind streng orthodox. Salis Enkel Eli und Moshe sind heute Rabbis in Detroit und London. Für die Stolpersteinverlegung und zur Erinnerung an ihre Vorfahren haben mehr als zwanzig Familienangehörige ihren Besuch in Riedstadt angekündigt.  

Der zweite Teil der Riedstädter Stolpersteinverlegung wird dann ab 15:00 Uhr in Leeheim stattfinden. Dort versammeln sich die Interessierten zunächst vor dem Anwesen Kirchstraße 13. Gunter Demnig wird hier mit vier Stolpersteinen an das Schicksal der Familie Moses erinnern.  

Samuel Moses (*1883) und seine Frau Hedwig (*1889), geb. Goldschmidt, betrieben in Leeheim ein kleines Kolonialwarengeschäft und einen Viehhandel. Die Familie mit den Kindern Hertha und Erich verkaufte 1937 ihr Haus, das genau seit hundert Jahren in jüdischem Besitz war und flüchtete vor den Repressionen der Nazis nach New York.  

Nur wenige Meter entfernt ist die letzte Station der diesmaligen Verlegungsaktion. Im Haus Hauptstraße 50 in Leeheim lebten Sally Löwenthal (*1895) und seine Frau Berta mit den Kindern Kurt (*1927) und Edith (*1929) und betrieben dort ein Ladengeschäft.  

Sally Löwenthal war seit dem 1. Weltkrieg schwerbeschädigt und starb 1935 im Alter von 40 Jahren. Danach wanderte seine Frau mit den Kindern in die USA aus, wo schon seit 1935 ihr Bruder Max Sternfels in New York lebte. Nach nur wenigen Monaten starb auch Berta und nun kümmerte sich Max um die Kinder Kurt und Edith. Das Haus der Sternfels/Löwenthals diente der nationalsozialistischen Partei NSDAP später als Gemeindeverwaltung. Im Krieg wurde es schwer beschädigt und brannte aus.  Zum Abschluss der Verlegungsaktion sind die Gäste zum Aufwärmen und einem Gedankenaustausch bei Kaffee und Kuchen in das evangelische Gemeindehaus Leeheim eingeladen.  

Wer sich für die Mitarbeit in der Projektgruppe interessiert, kann gerne zum nächsten Treffen vorbeikommen. Das ist für Freitag, 8. Dezember 2017 um 19:00 Uhr im evangelischen Gemeindehaus (Klappergasse 6) geplant. Die nächste Stolpersteinverlegung in Leeheim wird voraussichtlich im Mai oder Juni 2018 stattfinden.  

Wer die Aktion unterstützen möchte, kann beispielsweise eine Patenschaft für einen der Stolpersteine übernehmen. Für einen Stolperstein fallen 120 Euro Kosten an. Für weitere Auskünfte steht der Vorsitzende des Fördervereins, Walter Ullrich (Ringstraße 50, 65468 Trebur-Geinsheim, Telefon 06147 8361, E-Mail: walter.ullrich(at)freenet.de) gerne zur Verfügung.   

Die Postkarte von Leeheim zeigt die Hauptstraße mit dem Wohn- und Geschäftshaus der jüdischen Familien Sternfels und Löwenthal - später genutzt als Rathaus, daneben die Judenschule (Synagoge), am heutigen Standort der „Milchküche“. Rechts die Leeheimer Kirche mit dem Rathaus.

Die beiden unteren Fotos wurden uns freundlicherweise vom Heimat- und Geschichtsverein Leeheim zur Verfügung gestellt.