Kein wirklicher Schlusspunkt

Auch nach letzter Stolperstein-Verlegung in Riedstadt soll Erinnern an NS-Opfer weitergehen

Mechthild Nagel verliest einen Brief eines Familienangehörigen, der das weitere Schicksal seiner Großeltern schildert
Mechthild Nagel verliest einen Brief eines Familienangehörigen, der das weitere Schicksal seiner Großeltern schildert
Der Künstler Gunter Demnig verlegt zwei Steine  am Standort Neugasse 61
Der Künstler Gunter Demnig verlegt zwei Steine am Standort Neugasse 61
Weiße Rosen zum Gedenken an die beiden vertriebenen Jüdinnen
Weiße Rosen zum Gedenken an die beiden vertriebenen Jüdinnen

Bei einer bewegenden Gedenkveranstaltung wurden am Samstag, 26. Oktober, im Stadtteil Erfelden die letzten sieben Stolpersteine in Riedstadt für Opfer der Nationalsozialisten vom Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt.  

Walter Ullrich, Vorsitzender des Fördervereins Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau, erinnerte daran, dass seit 2014 insgesamt 127 der quadratischen Messingtafeln in Riedstädter Bürgersteige eingelassen wurden in Erinnerung an die Menschen, die in der NS-Zeit verfolgt, deportiert, ermordet oder zur Flucht gezwungen wurden. Von diesen 127 ehemaligen Nachbarn in Crumstadt, Erfelden, Goddelau, Leeheim und Wolfskehlen wurde rund die Hälfte ermordet, die andere konnte rechtzeitig fliehen, so Ullrich.  

„Der heutige Tag ist für mich kein wirklicher Schlusspunkt. Denn das bewusste Erinnern muss weitergehen. Immer, wenn wir einen der Bronzequader in einem Riedstädter Bürgersteig sehen, sollten wir innehalten und daran denken, wohin Hass und Verblendung, aber auch Wegschauen und Ignorieren in Deutschland schon einmal geführt haben“, sagte Bürgermeister Marcus Kretschmann. Er verwies darauf, dass mittlerweile 89 Prozent der Juden in Deutschland finden, dass der Hass gegen sie in den vergangen Jahren zugenommen hat und 44 Prozent schon einmal über Auswanderung nachgedacht haben. „Umso wichtiger ist es, dass wir uns erinnern an das, was mitten in unseren Wohnorten geschehen ist.“  

Wie zum Beispiel an die Familie May, für die in der Bahnstraße 10 vier Stolpersteine verlegt wurden. Isidor May hatte hier ein Geschäft mit Lagerhalle für Viehhäute betrieben. 1936 sah er sich gezwungen, die Hofreite mit Geschäft sowie die Lagerhalle zu verkaufen und mit Ehefrau Selma und Sohn Max 1937 in die USA zu fliehen. Tochter Elsa war bereits vier Wochen zuvor emigriert. Die Stolpersteinpatin Mechthild Nagel verlas zur Lebensgeschichte der Familie May einen Brief von Max Herzfeld, einem Enkel von Isidor und Selma May.

In der Neugasse 61 verlegte Gunter Demnig Stolpersteine für die Schwestern Jenny Hammerstein und Martha Stern, beide geborene Sternfels, die hier das elterliche Geschäft mit Kolonial-, Glas- und Haushaltswaren weitergeführt hatten. Bei der Gedenkveranstaltung wurde daran erinnert, dass sich Martha, nachdem ihr Geschäft boykottiert wurde, nicht mehr aus dem Haus traute. 1934 mussten die Schwestern Sternfels das Geschäft verkaufen und flohen 1935 nach Tel Aviv. Außerdem wurde für Janette Sternfels in der Wilhelm-Leuschner-Straße 65 ein Stolperstein verlegt.  

Am 8. November 2012 hatte die Stadtverordnetenversammlung Riedstadt mit großer Mehrheit die Beteiligung an dem Stolperstein-Projekt beschlossen. Am 19. Februar 2014 – dem 177. Todestag Georg Büchners – fand dann die erste Stolpersteinverlegung für Riedstadt im Stadtteil Wolfskehlen statt. Hier wie auch bei allen übrigen Erinnerungsveranstaltungen in Riedstadt begleitete das Klarinettentrio der „Riedstädter Musikwerkstatt“ unter Leitung von Wolfgang Seidemann das Gedenken. Bei der letzten Verlegung in Erfelden dankte Bürgermeister Kretschmann noch einmal insbesondere den Mitgliedern der Projektgruppen und Paten der Gedenksteine und zeigte sich erfreut, mit welch großem Engagement sich so viele Riedstädter und Riedstädterinnen für das Projekt eingesetzt haben.  

Mehr Informationen unter: Schikaniert und vertrieben (15. Oktober 2019)