„Jüdisches Leben wurde ausgelöscht“

Mit Stolpersteinen wird am 25. März an drei Erfelder Familien mit dem Namen Sternfels erinnert

Kerweborsch bei der Erfelder Fastnacht, 1928, mit Ludwig Sternfels (in der Kutsche links) und Peter Melchior (Kutsche vorne rechts)
Kerweborsch bei der Erfelder Fastnacht, 1928, mit Ludwig Sternfels (in der Kutsche links) und Peter Melchior (Kutsche vorne rechts)
Postkarte „Kaufhaus Julius Sternfels“, ca. aus dem Jahr 1919/1920
Postkarte „Kaufhaus Julius Sternfels“, ca. aus dem Jahr 1919/1920
Postkarte „Gruß aus Erfelden a. Rh.“, ca. aus dem Jahr 1919/1920
Postkarte „Gruß aus Erfelden a. Rh.“, ca. aus dem Jahr 1919/1920

Sie waren anerkannte Geschäftsleute, angesehene Nachbarn oder beliebte Schulfreunde und Spielkameraden. Erst die verheerende Nazi-Ideologie sorgte in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts dafür, dass sie ausgegrenzt, verfolgt und zur Flucht getrieben oder sogar ermordet wurden. Nicht zuletzt mit ihrer Synagoge in der heutigen Neugasse bereicherte die jüdische Gemeinde Erfelden bis zu ihrer vollständigen Auslöschung das gesellschaftliche Leben ihres Dorfes. Am Montag, 25. März um 15:30 Uhr werden bereits zum zweiten Mal Stolpersteine im Riedstädter Stadtteil Erfelden verlegt, um an das Schicksal jener jüdischen Familien, die nahezu alle den Namen Sternfels trugen, zu erinnern.  

Die Gedenkveranstaltung findet im Hof der Stiftung Soziale Gemeinschaft Riedstadt (Wilhelm-Leuschner-Straße 21) statt. Insgesamt wird der Kölner Künstler Gunter Demnig, Erfinder des Erinnerungs- und Kunstprojekts 13 Stolpersteine vor drei verschiedenen Häusern in der Wilhelm-Leuschner-Straße verlegen. Die Riedstädter Projektgruppe, die das Lebensschicksal der „verschwundenen Nachbarn“ recherchiert und dokumentiert hat, lädt die interessierte Öffentlichkeit herzlich zur Teilnahme an der Gedenkfeier ein.  

In der Wilhelm-Leuschner-Straße 18 betrieb Julius Sternfels ein Geschäft für Manufakturwaren. 1899 heiratete er Frieda Bruchfeld aus Crumstadt und bekam mit ihr zwei Söhne, Siegfried und Ludwig. Siegfried starb sehr früh. Durch den Boykott von jüdischen Geschäften musste er wegen fehlendem Umsatz Mitte 1936 sein Geschäft aufgeben. Er verkaufte alles zu Schleuderpreisen und zog nach Frankfurt in die Hanauer Landstraße 17 um.  

Ludwig besucht die Volksschule in Erfelden und danach die Realschule in Darmstadt. Anschließend wechselte er auf das Realgymnasium in Bad Dürkheim. 1920 absolvierte er eine kaufmännische Lehre in Frankfurt und arbeitete dann als Vertreter. Ab 1924 stieg er in das Geschäft seines Vaters in Erfelden ein.  

1932 heiratete Ludwig Sternfels Elisabeth Theresia Levi aus Haßloch in der Pfalz. Angesichts des anhaltenden Boykotts („Kauft nicht bei Juden“) zog das Ehepaar nach Haßloch, wo noch im gleichen Jahr ihre Tochter Luci geboren wurde.  

Am 7. Oktober 1936 gelang der jungen Familie die Flucht über Genua mit dem Dampfer Dunlio nach Kapstadt. Die Familie wohnte in Johannesburg und Ludwig eröffnete dort 1940 ein eigenes Geschäft. Nach anfangs schleppenden Einkommen besserten sich seine Verhältnisse erst nach 1945. Die Eltern Julius und Frieda hatten sich am 16. Februar 1939 zur Flucht entschlossen und lebten bis zu ihrem Tod ebenfalls in Johannesburg.  

In der Wilhelm-Leuschner-Straße 40, lebte einst August Sternfels mit seiner Frau Helene Fuld aus Schaafheim. Er betrieb einen Viehhandel und eine Rindsmetzgerei. Das Ehepaar hatte insgesamt fünf Kinder: Arthur, Selma, Irma, Clementine und Kary. Clementine starb bereits im Alter von sechs Jahren in Darmstadt.  

Selma heiratete schon 1931 nach Plettenberg und floh mit ihrer Familie 1938 in die USA. Die  Mutter Helene Sternfels starb 1935 in Erfelden. Danach gelang den anderen Kindern die Flucht nach Amerika.  

Der Vater, August Sternfels, blieb in Deutschland und zog 1936 zu seiner Tochter Selma nach Plettenberg. Am 10. November 1938 wurde er im Zuge der Reichspogromnacht inhaftiert und ins Konzentrationslage Buchenwald gebracht. 1942 wurde er schließlich nach Theresienstadt deportiert, wo er am 27. Dezember 1942 ermordet wurde.  

Arthur Sternfels besuchte die Volksschule in Erfelden und danach die Realschule in Gernsheim. Ab 1920 machte er eine Lehre im Bankhaus Seckel in Frankfurt. Dort war er 1929 bis zum Effektenhändler aufgestiegen. 1929 wurde das Bankhaus „arisiert“ und ihm als Jude wurde gekündigt. Danach arbeitete er im Geschäft seines Vaters als Viehgroßhändler. Am 21. August 1937 gelang ihm die Flucht nach Amerika.  

Die Tochter Irma, verheiratete Braunschweiger, floh 1934 ebenfalls nach Amerika. Sie heiratete und hatte einen Sohn und eine Tochter. Irma starb in New York.  

Die Tochter Kary Sternfels besuchte die Volksschule in Erfelden und danach das Mädchengymnasium in Darmstadt. Ab 1932 machte sie eine Lehre bei der Firma Eisen-Trier in Darmstadt. Zum 31. Mai 1934 wurde ihr gekündigt und sie konnte die Lehre nicht beenden. Danach arbeitete sie im elterlichen Geschäft.  

Im Dezember 1934 gelang ihr die Flucht nach New York. Dort arbeitete sie als Haushaltshilfe, später als Verkäuferin und Serviererin. Sie heiratete Hans Schönfeld und bekam zwei Kinder: Peter und Linda. Heute hat sie vier Enkel und sechs Urenkel. Der Enkel Michael Schönfeld hat einen sehr gut gehenden Friseursalon in Santa Monica, Kalifornien.  

Kary Schönfeld kam Jahre später nach Deutschland zurück und lebte in einem Altersheim in Frankfurt. Dort starb sie hochbetagt, vier Monate vor ihrem 102. Geburtstag.  

Bei der dritten Verlegestation in der Wilhelm-Leuschner-Straße 65 steht die Familie von Abraham Sternfels IV und seiner Frau Janette, geb. Würzburger, im Vordergrund. Er betrieb einen Pferdehandel und einen Spezereiverkauf. Das Ehepaar bekam drei Söhne: Julius, Jacob und Sali. Jacob starb bereits nach fünf Tagen.  

Das Geschäft lief ab 1933 nicht mehr gut; auch hier machte sich der Boykott bemerkbar. Die Familie verkaufte 1938 das Haus und zog nach Frankfurt in die Brentanostraße 10. Ihnen gelang am 5. Juli 1938 die Flucht nach Amerika. Janette Sternfels starb am 26. Dezember 1944, Abraham Sternfels am 18. April 1955 in New York.  

Dem Sohn Julius Sternfels gelang ebenfalls die Flucht nach Amerika. Er nannte sich dort Jacob Walter. Der jüngste Sohn Sali Sternfels ging in die Volksschule in Erfelden, danach besuchte er die Realschule in Gernsheim. Mit 15 Jahren machte er eine Lehre und arbeitete danach in verschiedenen Berufen.  

Bis 1935 arbeitete er sechs Jahre in einer Lederhandlung in Frankfurt. Im Februar 1935 flüchtete er nach Amerika. Dort nannte er sich Fred Sternfels. Zunächst fand er nur Arbeit in untergeordneten Berufen. Dann bekam er eine Anstellung in einem Hospital in Brooklyn, New York, wo er zwanzig Jahre lang tätig war.  

Die Feierstunde wird vom Vorsitzenden des Fördervereins für Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau, Walter Ullrich, moderiert. Bürgermeister Marcus Kretschmann wird für die Stadt Riedstadt sprechen. Den Paten für die Stolpersteine wird mit einer Urkunde gedankt. Außerdem werden weiße Rosen niedergelegt.  

Zum Abschluss der Verlegeaktion mit dem Künstler Gunter Demnig sind die Anwesenden zu einem kleinen Imbiss in die ehemalige Synagoge (Neugasse 43) eingeladen.  

Das Foto oben stammt aus dem, Buch „Verschwundene Nachbarn“ von Angelika Schleindl; die beiden Postkarten erschienen im Verlag J. Blume, Photograph, Altenhunden (nicht mehr existent).

Weitere Informationen zur Gedenkfeier und den Hintergründen dazu sind unserem Einladungs-Faltblatt für die Verlegung am 25. März 2019 zu entnehmen.