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Grau statt Grün

Kiesgärten: Die neue Leblosigkeit vor und hinter dem Haus

Steril, leblos und klimaschädlich – eines der vielen Beispiele für einen Kiesgarten. Foto: P.Weber/pixabay
Steril, leblos und klimaschädlich – eines der vielen Beispiele für einen Kiesgarten. Foto: P.Weber/pixabay
Ein Blumenbeet mit vielen blühenden Pflanzen
Üppige Blütenpracht erfreut das Auge und bietet (Klein-)Tieren Lebensraum und Nahrung.

Seit einigen Jahren zeigt sich ein Trend, grüne Gärten in graue, beziehungsweise weiße oder schwarze Steinwüsten zu verwandeln. Diese sollen „sauber“, „ordentlich“ und angeblich auch pflegeleicht sein.  Ein Trend, der auch an vielen Stellen in der Büchnerstadt Riedstadt zu sehen ist. In nicht wenigen Gärten findet sich kein einziger Baum, obwohl in den meisten Bebauungsplänen das Anpflanzen von Bäumen auch im privaten Bereich rechtlich verpflichtend festgesetzt ist. Vorgärten, aber auch ganze Hausgärten mit teilweise sogar mehreren hundert Quadratmetern Fläche sind als vegetationsarme oder ganz vegetationslose Kies- und Schottergärten gestaltet, in denen keine Biene eine Blüte findet, die sie anfliegen könnte.

Dabei zerstören Schotter- und Kiesgärten Lebensraum für Pflanzen, Tiere und sonstige Organismen und verstärken damit den seit Jahrzehnten anhaltenden massiven Verlust an biologischer Vielfalt. So sind 26 Prozent der rund 3.000 einheimischen Farn- und Blütenpflanzen  bestandsgefährdet, 36 Prozent der einheimischen Tierarten bedroht und über 70 Prozent der Lebensräume als „gefährdet“ eingestuft (Quelle: www.wwf.de/themen-projekte/biologische-vielfalt/reichtum-der-natur/biodiversitaet-in-deutschland/ )

Zudem ist seit der sogenannten „Krefelder Studie“ das Insektensterben in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit getreten. Diese Studie hat für den Zeitraum seit 1989 einen massiven Rückgang der Biomasse der Fluginsekten um mehr als 75 Prozent (!) nachgewiesen. Während arten- und strukturreiche Gärten mit Sträuchern, Blumen, Bäumen einer Vielzahl an Lebewesen Nahrung und Lebensraum bieten können, sind Schotter- und Kiesgärten leblose Wüsten, die keinerlei Wert für die biologische Vielfalt besitzen.

Da sich Steine ohne Vegetationsdecke gegenüber einer grünen Fläche mit Vegetation stärker erhitzen und vor allem nachts die gespeicherte Wärme wieder an die Umgebung abstrahlen, fördern Schotter- und Kiesgärten die ohnehin starke Erwärmung im bebauten Bereich und verstärken damit noch die Effekte des Klimawandels. Vegetationsarme, versiegelte Flächen im Innenstadtbereich können gegenüber grünen und baumreichen Flächen um zehn bis sogar 15 Grad wärmer sein – was in ohnehin warmen Sommernächten zu starken gesundheitlichen Belastungen führen kann.

Durch die zwischen dem Boden und der aufgebrachten Kies-/Steinschicht eingebauten Vliese („Unkrautschutzfolien“) wird die Versickerung von Niederschlagswasser vermindert oder ganz verhindert, wodurch es insbesondere bei Starkregenereignissen zu einem verstärkten Abfluss von Oberflächenwasser in die Kanalisation kommt – die in Riedstadt an vielen Stellen ohnehin an den Grenzen ihrer Kapazität ist. Weiterhin wird die Bodenstruktur durch die eingebauten Folien/Vliese stark beschädigt und die Wasserversorgung des Bodens nachhaltig gestört. Innerhalb eines gesunden Bodenstücks von einem Meter Breite, einem Meter Länge und 0,3 Meter Tiefe leben 1,6 Millionen Lebewesen.

Durch das Fehlen der Vegetationsschicht und die Abtrennung des Bodens von der Oberfläche durch Folien/Vliese wird auch dieses Bodenleben nachhaltig gestört, die Vielfalt im Boden verarmt stark. Oft hört man als Begründung für die Anlage von Schottergärten, dass diese pflegeleicht seien. Das stimmt aber bestenfalls kurzfristig, denn auf dem Schotter/Kies, beziehungsweise in den Zwischenräumen oder der Folie unter dem Schotter, sammeln sich mit der Zeit Laub, Blütenreste, Staub und sonstiges organisches Material, das vom Wind herangeweht wird. Auf diesem Nährboden können durch Vögel oder Wind verbreitete Samen keimen, und nach wenigen Jahren wächst auch in Schottergärten das Unkraut. Die Pflege ist dann sehr aufwändig – außer man geht verbotenerweise mit Gift gegen die Pflanzen vor.

Vor dem Hintergrund der Dringlichkeit der Themen „Klimawandel“ und „Artensterben“, aber auch im Hinblick auf Stadtbild und Stadtästhetik formieren sich allerdings verstärkt auf verschiedenen Ebenen Gegenbewegungen zu diesem Trend. Diese lassen sich grob den Zielrichtungen rechtliche Vorgaben, Anreizkampagnen und  Aufklärung, Information, Satire zuordnen. Hinsichtlich rechtlicher Vorgaben ist das Land Baden-Württemberg dabei am konsequentesten gegen Schotter-/Kiesgärten vorgegangen, indem diese im Rahmen der Novellierung des Landesnaturschutzgesetzes 2020 gemäß § 21a in Verbindung mit der Landesbauordnung (§ 9 Absatz 1 Satz 1) verboten sind.

Aber auch der Hessische Städtetag hat das Thema auf seine Agenda gesetzt und in einem Rundschreiben im Frühjahr 2021 seine Mitglieder darüber informiert, welche Möglichkeiten es gibt, gegen Kies- und Schottergärten im Stadtgebiet vorzugehen. Beispielsweise können Kommunen Schottergärten über rechtlich verbindliche Festsetzungen in Bebauungsplänen verbieten. Die Stadt Riedstadt hat diese Möglichkeit in aktuellen Bebauungsplänen genutzt.

In die Kategorie „Anreize“ fällt beispielsweise die Kampagne „Grünes Glück vor der Tür“ des Landes Hessen. Andere setzen auf Aufklärung. So bietet beispielsweise die Landeshauptstadt Wiesbaden auf ihrer Homepage umfangreiche Informationen und eine ausführliche Broschüre zum Thema insektenfreundliche Gartengestaltung an (siehe: www.wiesbaden.de/leben-in-wiesbaden/umwelt/umweltberatung/bluehende-vorgaerten.php).

Alles in allem bleibt zu hoffen, dass durch Aufklärung, Anreizkampagnen und notfalls auch rechtliche Vorgaben aus Steinwüsten wieder blühende Gärten werden, in denen Platz für Leben ist. Also: entsteinen Sie sich, lassen sie Grün und vielleicht sogar ein wenig Wildwuchs zu.