Gegen die Entwicklung der Ausgrenzung

Erstmals in Erfelden und zum neunten Mal in Riedstadt wurden am Samstag (27.) Stolpersteine verlegt

Stolpersteine für die Familie Steinfels, die ihren letzten frei  gewählten Wohnsitz in der Bahnstraße 3 hatten
Stolpersteine für die Familie Steinfels, die ihren letzten frei gewählten Wohnsitz in der Bahnstraße 3 hatten
Bürgermeister Marcus Kretschmann findet nachdenkliche Worte  zur aktuellen politischen Entwicklung
Bürgermeister Marcus Kretschmann findet nachdenkliche Worte zur aktuellen politischen Entwicklung
Ein Schüler der Martin-Niemöller-Schule berichtet vom  Schicksal der einstigen jüdischen Nachbarn
Ein Schüler der Martin-Niemöller-Schule berichtet vom Schicksal der einstigen jüdischen Nachbarn
Gunter Demnig bei Verlegen der Stolpersteine in der Bahnstraße 22
Gunter Demnig bei Verlegen der Stolpersteine in der Bahnstraße 22

Sowohl der ehemalige Pfarrer Walter Ullrich vom Förderverein für Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau als auch Riedstadts Bürgermeister Marcus Kretschmann fanden am vergangenen Samstag (17.) deutliche Worte, als es um die aktuelle politische Entwicklung in unserem Land ging. Bei der würdigen Gedenkfeier zur neunten Stolpersteinverlegung in Riedstadt nahm Kretschmann die Vorgänge Ende August in Chemnitz zum Anlass, auf die Folgen von Unmenschlichkeit, Rassismus und Ausgrenzung hinzuweisen. Er betonte angesichts rechtspopulistischer Tendenzen in unserer Gesellschaft wie wichtig die Gedenk- und Erinnerungsarbeit des Stolpersteinprojektes ist. Gleichzeitig dankte er allen ehrenamtlich Aktiven in der Projektgruppe und den mittlerweile über einhundert Patinnen und Paten der Stolpersteine für ihre Unterstützung.  

Schülerinnen und Schüler der Martin-Niemöller-Schule bereicherten die kleine Feierstunde gegenüber dem Gasthaus „Zur Krone“ nicht nur ihren Berichten über die recherchierten Lebensdaten der ehemaligen jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner. Auch sie stellten zudem mit nachdenklichen Texten das Thema Ausgrenzung in den Mittelpunkt. Die Riedstädter Musikwerkstatt unter Leitung von Wolfgang Seidemann sorgte für die angemessene musikalische Umrahmung.  

Die erstmals in Erfelden verlegten neun Stolpersteine erinnern zum einen an die Familie von Issak Kahn, die einst in der Bahnstraße 3 eine Rindsmetzgerei mit Viehhandel betrieb. Wegen der anti-jüdischen Repressalien blieben ab 1932 die Kunden aus. Keiner kaufte mehr bei Juden. Mit der Schließung des Geschäftes war der Familie die Existenzgrundlage entzogen. Die sechsköpfige Familie musste schließlich 1936 das Haus verkaufen und floh nach Nashville/ Tennessee.  

Besonders hart traf es den behinderten Sohn Max, der schon mit 12 Jahren in eine Heil- und Pflegeanstalt kam. Von dort aus wurde er 1941 in die „Tötungsanstalt“ Hadamar deportiert. Als so genanntes „unwertes Leben“ wurde er schließlich im Zuge der Euthanasie ermordet.  

Nur wenige Meter weiter, in der Bahnstraße 22, wohnte bis zu seinem Tod im Jahr 1933 Simon Sternfels II. Er lebte vom Handel mit Vieh, Butter und Öl und besaß hierfür einen Planwagen, mit dem er auch die Erfelder Handballer vom Turnverein zu den Spielen fuhr, was zeigt, wie er – und sicher auch seine Familie – in die Ortsgemeinschaft eingebunden war. Ab 1933 gingen auch hier die Einkünfte der Familie aufgrund des Boykotts jüdischer Geschäften massiv zurück. Am 23.März 1936 wurde der Besitz schließlich zwangsversteigert.   Dem älteren Sohn Isidor gelang bereits 1936 die Flucht nach Buenos Aires, Argentinien. Der jüngste Sohn Sigismund musste mit seiner Mutter Rosa nach Frankfurt  in ein „Judenhaus“ ziehen. Noch 1936 konnte er nach New York flüchten. Rosa Sternfels blieb jedoch in Frankfurt und musste ab 1941 den Judenstern tragen. Am 1. September 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und wurde dort am 26. September ermordet.  

Moderator des Morgens war Walter Ullrich, der auch die Dankesurkunden an die Patinnen und Paten überreichte. Nach dem Niederlegen von Rosen an den kleinen Gedenksteinen waren die zahlreichen Besucher zum Abschluss in die ehemalige Synagoge in der Erfelder Neugasse eingeladen. Bei Kaffee und Kuchen bestand Gelegenheit zum Gedankenaustausch. Auf Nachfrage berichtete Ullrich spontan über die interessante Geschichte des Gebäudes, das durch den Förderverein schon 1989 vor dem Verfall gerettet wurde.