Flugblatt bereichert Büchner-Ausstellung

Die Dauerleihgabe des wertvollen Dokuments wird von der Sparkassen Kulturstiftung gesponsert

Dauerleihgabe für das Büchnerhaus
Dauerleihgabe für das Büchnerhaus

Ein Flugblatt mit der Ankündigung der öffentlichen Hinrichtung des verurteilten Mörders Johann Christian Woyzeck am 27. August 1827 hat am vergangenen Sonntag (21.) Nicole Schlabach von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen Thüringen als Dauerleihgabe dem Büchnerhaus in Goddelau übergeben. Der Vorsitzende des Fördervereins Büchnerhaus und ehemalige Riedstädter Bürgermeister Werner Amend nahm das wertvolle Dokument in Empfang. Riedstadts Erster Stadtrat Albrecht Ecker und Frank Jung, stellvertretendes Vorstandsmitglied der Kreissparkasse Groß-Gerau, waren ebenfalls dabei. Durch das kleine Vormittagsprogramm moderierte der Leiter des Büchnerhauses Peter Brunner.  

Mitten auf dem Markplatz in Leipzig wurde die Todesstrafe an Woyzeck mit dem Schwert vollzogen. In dem Flugblatt kündigt der „Stadtmagistrat zu Leipzig“ am 23. August 1827 Woyzecks Hinrichtung an und fordert die Zuschauer auf, sich während der Hinrichtung „ … allen ungestümen Drängens schlechterdings (zu) enthalten“. Das seltene Blatt ist ein außergewöhnliches Zeugnis für die große Aufmerksamkeit, die der Prozess und das Urteil weit über Deutschland hinaus hatten.  

Im Straßburger Exil erinnert sich der junge Georg Büchner an Berichte über den Kriminalfall, die er in Darmstadt gelesen hatte. Der Leipziger Prozess, in dem es um die Frage der Zurechnungsfähigkeit des Täters ging, war für ihn von einiger Bedeutung: als Naturwissenschaftler, Philosoph und Politiker war er höchst interessiert an dem, „was in unseren Köpfen vorgeht“. „Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“ fragt er im Januar 1834 seine Braut in einem Brief, und später zitiert er sich selbst, als er seinem Danton in den Mund legt: „Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?“ und weiter „Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.“  

Sein Schauspieldrama Woyzeck ist Fragment geblieben – als Hinterlassenschaft bleiben nur lose Bögen, kreuz und quer be- und überschrieben. 1850 scheint der Text den Geschwister Luise und Ludwig nicht zur Veröffentlichung geeignet, und als das Drama 1875 endlich gedruckt wurde, erscheint es voller Fehler und unter dem falschen Namen „Wozzeck“.

Der „Literaturdetektiv“ Reinhard Pabst, Büchnerforscher und Freund des Büchnerhauses, hat das Flugblattangebot in einem Antiquariat entdeckt und vorgeschlagen, es für die ständige Ausstellung in Goddelau anzuschaffen. Der Förderverein Büchnerhaus konnte die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und die Sparkassen-Stiftung Groß-Gerau zur Unterstützung gewinnen. Unter dem Titel „Was geschah mit Woyzecks Schädel“ referierte Pabst am Sonntagmorgen über die Umstände der schauerlichen Hinrichtung und ordnete so das neue Dokument in die Ausstellung ein.  

Die Dauerleihgabe wird zukünftig in einer Vitrine im ersten Stock ausgestellt und ergänzt mehrere bedeutende Handschriften Georg Büchners. Zur Information der Besucher dient eine Transkription des heute von vielen nicht mehr lesbaren Fraktur-Textes. Im Büchnerhaus sind Originalausgaben von Büchners Dissertation „Über die Nerven der Barbe“, die erste Werkausgabe von 1850 und seine Übersetzungen Victor Hugos zu sehen.  

Das neue Ausstellungsstück ist ein wertvolles Objekt, weil es hervorragend dazu geeignet ist, die Umstände der Zeit zu erläutern. „Auch als Hinweis auf die Arbeitstechnik Büchners, sich im literarischen Werk auf reales Geschehen zu beziehen, ist das Blatt bestens geeignet“, so Büchnerhausleiter Peter Brunner abschließend.      

Das Foto wurde uns freundlicherweise von Robert Heiler zur Verfügung gestellt. Es zeigt (v.l.n.r.) den Ersten Stadtrat Albrecht Ecker, Fördervereinsvorsitzender Werner Amend, Nicole Schlabach von der Sparkassen-Kulturstiftung und Frank Jung von der Kreissparkasse Groß-Gerau.