Englische Experten besuchen Stromtalwiesen

Britische Delegation zeigt sich beeindruckt von Artenreichtum und Landschaftsvielfalt

Exkursion: Die englische Delegation besichtigt Stromtalwiesen in der Leeheimer Gemarkung
Exkursion: Die englische Delegation besichtigt Stromtalwiesen in der Leeheimer Gemarkung

Vom 7. bis 9. Juni 2017 war eine zehnköpfige Delegation des britischen „Floodplain Meadows Partnerships“ („Auenwiesen Partnerschaft“) unter Leitung von Professor David Gowing in Riedstadt zu Gast, um die Stromtalwiesen am hessischen Oberrhein zu besuchen. Im Zentrum des Interesses standen dabei die in Leeheim, Erfelden und auf dem Kühkopf vorkommenden äußerst artenreichen alten Stromtalwiesen sowie die seit dem Jahr 2000 durchgeführten großflächigen Renaturierungsmaßnahmen der Auenwiesen.  

Auf dem Programm standen neben der Exkursion zu den Wiesen auch ein Empfang beim Riedstädter Bürgermeister Marcus Kretschmann im Rathaus in Goddelau sowie der Besuch des Kühkopf-Informationszentrums und der dortigen alten und seit 1983 neu entstandenen Auwälder.  

Zum Abschluss des Besuchs fuhr die Gruppe ins stromaufwärts gelegene Lampertheim, wo die zusammen mit den Vorkommen in Riedstadt am besten ausgeprägten alten Stromtalwiesen am hessischen Oberrhein zu finden sind. Dort konnten auch gerade erst im letzten Herbst durchgeführte Renaturierungsmaßnahmen zur Neuanlage von Stromtalwiesen und eines Auwaldes besichtigt werden.  

Die Gruppe wurde vom Riedstädter Projektleiter Matthias Harnisch, der auch die Organisation des Besuchs übernommen hatte, und von Professor Norbert Hölzel von der Universität Münster geführt. Ergänzend steuerte Ralph Baumgärtel auf dem Kühkopf sein großes Fachwissen bei, während in Lampertheim der dortige Projektleiter Alexander Ochmann die Renaturierungsmaßnahmen erläuterte.  

Die britischen Besucher zeigten sich beeindruckt von der Vielfalt der Landschaft inmitten des Ballungsraums Rhein-Main-Neckar und dem Artenreichtum und den vielfältigen Ausprägungen der Stromtalwiesen am hessischen Oberrhein. Je nach Höhenlage – und der dadurch bedingten Überflutungshäufigkeit – finden sich feuchtere und trockenere Wiesen, die sich durch ein ganz spezifisches Arteninventar auszeichnen, wobei die Übergänge fließend sein können.    

So sind beispielsweise auf den Riedstädter Wiesen aufgrund des niedrigen Grundwasserstands und der – mit Ausnahme des Sommerhochwassers 2013 – fehlenden Überschwemmungen derzeit sichtbar die Pflanzen im Aufwind, die trockenere Standorte bevorzugen.  

Damit konnten die englischen Besucher auch direkt eines der Grundmerkmale der Landschaft am hessischen Oberrhein sichtbar erleben, nämlich die starken Wasserstandsschwankungen, die hier bis zu sieben Meter Unterschied zwischen dem Höchststand des Rheins und dem niedrigsten Stand ausmachen können – und dementsprechend zu einer sehr hohen Dynamik in den Lebensräumen am Fluss führen.  

Es wird hier von einem sogenannten Ziehharmonika-Effekt gesprochen: In trockenen Jahren dringen Trockenheit liebende bzw. tolerierende Arten in tiefer gelegene, potentiell feuchtere Bereiche vor, in feuchten Jahren ist es umgekehrt. Diese Dynamik wird noch dadurch verstärkt, dass die Hochwasser am Rhein weder regelmäßig noch immer in der gleichen Jahreszeit – also beispielsweise im späten Frühjahr nach der Schneeschmelze in den Alpen - auftreten.  

Im Gegensatz dazu sind die in England vorkommenden Stromtalwiesen in der Regel durch einen höheren und stabileren Grundwasserpegel und durch verlässlicher und regelmäßiger auftretende Hochwasserereignisse geprägt. So waren die englischen Fachleute äußerst erstaunt darüber, dass in Riedstadt Stromtalwiesen auf Flächen vorkommen, bei denen der Grundwasserstand wie derzeit auf mehr als drei Meter unter Geländeoberkante fallen kann. Dementsprechend ist die Artenzusammensetzung auf den hiesigen Wiesen insgesamt vielfältiger als auf vergleichbaren englischen Flächen, da sich auf den Wiesen am Rhein Arten finden, die sowohl temporäre Überflutungen wie auch starke Trockenheit aushalten müssen.  

Die Besucher aus England waren zudem erstaunt über den Umfang und den Erfolg der in Riedstadt seit zwanzig Jahren durchgeführten Renaturierungsmaßnahmen. Der Riedstädter Projektleiter Matthias Harnisch hatte die Führung so konzipiert, dass die Besucher neben den alten Stromtalwiesen in den Naturschutzgebieten, die als Ausgangsflächen für die Renaturierungsmaßnahmen dienen, sämtliche Stadien der neuen Wiesen von den ältesten, vor zwanzig Jahren neu angelegten bis zu den jüngsten Renaturierungsflächen aus den Jahren 2015 und 2016 ansehen konnten.  

Auch hier zeigen sich gravierende Unterschiede zu den Verhältnissen in England, die in diesem Fall aber eher den administrativen Teil betreffen: In England sind die meisten Naturschutzflächen in Privateigentum. Dadurch ist ein deutlich höherer Verhandlungsaufwand für die Durchführung von Naturschutzmaßnahmen notwendig und alle Vereinbarungen müssen vertraglich geregelt werden – und bei jedem Eigentümerwechsel muss neu ausgehandelt werden, wie die naturschutzwürdigen Flächen gesichert werden und wie diese Sicherung finanziert wird. Vor diesem Hintergrund - und sicherlich auch vor dem Hintergrund des Brexit, der von den englischen Naturschützern als große Bedrohung wahrgenommen wird, da weitergehende rechtliche Rahmenbedingungen der EU aber auch erhebliche Finanzierungsmöglichkeiten wegbrechen – erschien den englischen Besuchern die Situation hier fast paradiesisch, da der weitaus überwiegende Teil der Naturschutzflächen im Besitz der öffentlichen Hand – und damit stärker gesichert - ist.  

Nach drei sehr intensiven Tagen kehrten die Besucher aus England dann mit sehr vielen Eindrücken zurück auf die Insel.

Dem Delegationsbesuch ging ein Vortrag von Matthias Harnisch bei einer Stromtal-Konferenz in York voraus. Mehr dazu unter "Stromtalwiesen-Konferenz im englischen York".

Mehr zum Thema hier auf der Homepage unter Renaturierung von Stromtalwiesen am hessischen Oberrhein. Mehr zu der Organisation der englischen Gäste unter "Floodplain Meadows Partnerships".