Büchner näher kommen

Kunstgespräch mit Mahdi Ehsaei am Rande des Weihnachtsmarktes – Kunstprojekte werden im Frühjahr installiert

Mahdi Ehsaei vor dem Goddelauer Büchnerhaus
Mahdi Ehsaei vor dem Goddelauer Büchnerhaus

Am Rande des Goddelauer Weihnachtsmarktes kam am 8. Dezember der deutsch-iranische Künstler und Designer Mahdi Ehsaei ins Büchnerhaus (wir haben berichtet). Der 1989 in Münster (NRM) geborene Diplom-Designer Ehsaei stammt aus einer iranischen Familie. Im Rahmen seines Studienabschlusses an der Hochschule für Gestaltung in Darmstadt besuchte er den südlichen Iran, wo seit Jahrhunderten eine schwarze Bevölkerungsminderheit lebt, die auf die Sklavenzeit zurückgeht. Seine Arbeit „Afro-Iran – Die unbekannte Minderheit“ hat ihn nicht nur in der Kunstwelt, sondern darüber hinaus sowohl in den Kreisen von Interessierten an der Geschichte Irans sowie unter communities von Nachfahren ehemaliger Sklaven, beispielsweise in Lateinamerika, prominent gemacht.  

Ehsaei stellte vor Vorstandsmitgliedern des Bücherhauses und weiteren Gästen zwei Büchner-Projekte vor, die er während der „Büchner-Biennale“ 2013/14 in Darmstadt realisierte.  

Während seines Studiums beteiligte er sich an dem Projekt, die Darmstädter Aktivitäten rund um die Jubiläumsausstellung zu Georg Büchners 200. Geburts- und 175. Todestag, die „Büchner-Biennale“ auszustatten. In der Folge einer 2012 sehr erfolgreichen Installation am Darmstädter Hauptbahnhof zu John Cage wurde entschieden, diese 2013/14 Georg Büchner zu Ehren in ähnlicher Form zu wiederholen. Rund um die beiden Veranstaltungsorte, ein hölzerner Pavillon, die „Büchner-Box“, und das kleine Idyll rund um das ehemalige Bahnbeamten-WC als „Königreich Popo“, entstanden zahlreiche phantasievolle künstlerische Annäherungen an das Werk des großen Dichter, Naturwissenschaftlers und Republikaners Georg Büchner. Das Projekt wurde von den Hochschullehrerinnen Prof. Ursula Gillmann (Kommunikations-Design und Industrie-Design, Ausstellungsgestaltung und Vermittlungskonzeption) und Su Korbjuhn (Kommunikationsdesign, Typographie) betreut.  

In Goddelau erläuterte Ehsaei, wie die Studierenden vom Originaltext ausgehend moderne Annäherungen suchten und umsetzten. So entstanden seine Projekte „Quote signs“ und „Listening stations“. Ehsaei hat die beiden Projekte dem Büchnerhaus zur künftigen Präsentation und Nutzung überlassen; zusammen mit der Neugestaltung der Gartenanlage werden sie im Frühjahr 2019 dauerhaft installiert.  

„Quote signs“ spielt mit der Idee des Naturwissenschaftlers, zu systematisieren. Ehsaei schuf hölzerne Schilder, die sich präsentieren wie botanische Erläuterungstafeln auf Blumenbeeten. Tatsächlich sind sie aber mit Büchner-Zitaten bedruckt und schaffen damit der Gedankenwelt des Dichters in einem völlig neuen Zusammenhang Aufmerksamkeit. Ehsaei bestückte das riesige Blumenbeet vor dem Bahnhof rundum mit seinen Schildern, und zahlreiche Besucher flanierten, nachdem sie verstanden hatten, dass hier eben keine Blumen beschrieben wurden, langsam lesend um die bunte Wiese herum. Den gleichen Effekt werden seine Schilder hoffentlich zukünftig rund ums Büchnerhaus entfalten können.  

„Listening station“ spielt ebenfalls mit Zitaten, bringt sie aber auf völlig andere Art ins Bewusstsein. In einen Würfel aus rohem Beton hat der Künstler ein digitales Abspielgerät eingebaut und mit gesprochenen Büchner-Zitaten bespielt. Zum Anhören dient eine Blechdose – gleichzeitig eine Reminiszenz an Kindertelefone wie an die Erbsendiät Woyzecks. Auf Knopfdruck spielt das Gerät über einen Zufallsgenerator eines von etwa 60 Zitaten ab, die Stefan Schuster für Ehsaei gesprochen hat. Das „Dosentelefon“ wird im Garten des Büchnerhauses künftig stets einen Büchnertext „to go“ anbieten. Aus dieser Arbeit ist auch eine Internetinstallation geblieben, die unter http://pretaparsi.com/buechner/# bis heute auf Mausklick Büchner-Zitate liefert.

Im Gespräch mit Büchnerhausleiter Peter Brunner schilderte der Künstler, wie er sich für seine Arbeit Büchner genähert hat: bei der Lektüre packte ihn die ungeheure Wortmacht des Dichters, die Zeitlosigkeit seiner Texte und Schönheit seiner Sprache. Die Installationen sind also nicht einfach nur schnöde ‚Zitatenhuberei‘, sondern schaffen den großartigen Texten ein neues Ambiente, in dem sie ihre Qualität neu beweisen.  

Das Kunstgespräch hat die Veranstaltungen des Büchnerhauses um einen wertvollen Beitrag erweitert. Hier war zu erfahren, wie sich ein junger Künstler Büchners Text auf ganz neue Art zu eigen macht und damit einen neuen, frischen Blick auf das Werk schafft. Der Vortrag wurde ermöglich durch die freundliche Unterstützung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst.