Zwölf Mahnmale gegen das Vergessen

Der Künstler Gunter Demnig kam zum sechsten Mal zur Stolpersteinverlegung nach Riedstadt

Nachdenkliche Worte von Bürgermeister Marcus Kretschmann
Nachdenkliche Worte von Bürgermeister Marcus Kretschmann
Gunter Demnig verlegt drei Stolpersteine für die Familie Morgenthau
Gunter Demnig verlegt drei Stolpersteine für die Familie Morgenthau
Vier Steine erinnern an Familie Sonnheim
Vier Steine erinnern an Familie Sonnheim
Else Trumpold von der Projektgruppe verteilt Patenurkunden an die Spenderinnen
Else Trumpold von der Projektgruppe verteilt Patenurkunden an die Spenderinnen

Am vergangenen Freitag (12.) war der Künstler Gunter Demnig bereits zum sechsten Mal in Riedstadt zu Gast, um mit seinen Stolpersteinen an das Schicksal von Menschen zu erinnern, die in der Zeit des deutschen Faschismus vor Repressalien geflohen sind, deportiert oder ermordet wurden. Die kleinen quadratischen Betonsteine werden direkt in den Bürgersteig vor den ehemaligen Wohnhäusern der jüdischen Mitbürger eingebaut und sollen so als Mahnmale gegen das Vergessen wirken. In einer Messingplatte werden die Namen und Lebensdaten der Opfer des Nazi-Terrors dokumentiert.  

Vor der Sparkassenfiliale in Crumstadt begrüßte zunächst Walter Ullrich, Vorsitzender des Fördervereins für Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau die Anwesenden. Riedstadts Bürgermeister Marcus Kretschmann ging in seiner Ansprache vor allem auf die Gefahren brauner Gesinnung ein, die bis in die heutige Zeit wirken. „Was die Nationalsozialisten in den dreißiger und vierziger Jahren in Deutschland und Europa angerichtet haben, übersteigt für mich sowohl vom Ausmaß als auch von der Gewalttätigkeit und Brutalität her jede Vorstellungskraft“. Mit Hinweis auf die NSU-Affäre und den aktuellen Bundeswehrskandal plädierte Kretschmann dafür, beim Kampf um Toleranz und Integration nicht aufzuhören. „Ein Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit darf es nicht geben.“

Die damals gut integrierten Nachbarn waren angesehene Geschäftsleute, Arbeitskollegen, Freunde, Stammtischbrüder, Schul- und Spielkameraden. Erst durch ein ideologisch verblendetes und unmenschliches Regime wurden sie zu Volksfeinden erklärt, gedemütigt, ausgegrenzt, verfolgt, ermordet und zur Flucht gezwungen. „Wie das geschehen konnte, ist für viele – nicht nur in meiner Generation – bis heute ein Rätsel“, so der Rathauschef.  

Im Anschluss an die kurze Gedenkfeier, die musikalisch wieder von Wolfgang Seidemann und Felix Brandt von der Riedstädter Musikwerkstatt begleitet wurde, ging es zur ersten Verlegestation in der Friedrich-Ebert-Straße 48. Dort wohnten bis 1938 Adolf und Bertha Morgenthau mit ihrer Tochter Rosa Elisabeth, genannt Liesel. Die Eheleute betrieben einen Viehhandel mit Metzgerei. Wegen des allgemeinen Boykotts („Kauft nicht bei Juden“) musste das Geschäft 1937 schließen, die Familie nach Frankfurt umziehen.  

Adolf Morgenthau saß fünf Wochen im Konzentrationslager Buchenwald. Im April 1939 flüchtete er mit seiner Frau Bertha nach Argentinien, wohin ihre Tochter Rosa schon ausgewandert war.  

Nur wenige Meter weiter, in der Friedrich-Ebert-Straße 32, wird nun an David und Klara Sonnheim und deren Kinder Gretel und Bertha mit Stolpersteinen erinnert. David Sonnheim betrieb in dem Anwesen einen Handel mit Vieh und Textilien. Ab 1. September 1941 musste die Familie, wie alle Juden, einen Judenstern sichtbar auf der Brust tragen. Im gleichen Monat mussten sie auf Anordnung der Kreisleitung aus ihrem Haus ausziehen und wurden in die Wohnung von Klaras Schwester Dina Heim in der Friedrich-Ebert-Straße 12 eingewiesen. Am 18. März 1942 hatte die Gestapo David und Klara Sonnheim und ihre Tochter Gretel und ab Darmstadt in das polnische Durchgangsghetto Piaski transportiert. Später wurden sie in einem der dortigen Vernichtungslager ermordet.  

Nur die Tochter Bella, die 1940 heiratete und nach Kiel umzog, überlebte Konzentrationslager und Zwangsarbeit als einzige Frau von über 3500 Juden in Schleswig-Holstein. Vor der Befreiung im März 1945 musste sie einen Todesmarsch durchstehen. Nach Stationen in Bad Nauheim und Frankfurt wanderte sie nach Kalifornien aus.  

Dritte und letzte Station war schließlich die Walther-Rathenau-Straße 11, wo einst Karl und Charlotte Grünewald mit ihren drei Kindern Erna, Hanna und Otto Max ihre Heimat hatten. Karl arbeitete als Hausierer. Charlotte verstarb 1936 im Alter von 43 Jahren. 1938 meldete sich Erna nach Darmstadt ab. Sie arbeitete dort in einem Altersheim. Ein Jahr später folgte ihr der Bruder Otto.  

Karl Grünewald und seine Tochter Hanna zogen 1940 nach Frankfurt in die Ostendstraße. Im selben Jahr heiratete er in Mannheim Selma Bukofzer. Die gesamte Familie wurde 1941 nach Minsk deportiert und dort ermordet.  

Im Anschluss an den Erinnerungsrundgang zu den Stolperstein-Stationen lud die evangelische Kirchengemeinde Crumstadt zu einem kleinen Imbiss ins Gemeindehaus ein.