Ein „Horch-Ungeheuer“ als Romanfigur

Büchnerpreisträger Marcel Beyer stellt am 10. Juni seinen Roman „Flughunde“ in der Büchnerstadt vor

Büchnerpreisträger Marcel Beyer kommt nach Goddelau
Büchnerpreisträger Marcel Beyer kommt nach Goddelau

Seit vielen Jahren veranstaltet die Büchnerstadt Riedstadt Lesungen mit dem aktuellen Träger des Georg-Büchner-Preises. Am Samstag, 10. Juni, um 19:00 Uhr, wird der Preisträger des Jahres 2016, Marcel Beyer, in der Aula des Musischen Zentrums der Martin Niemöller-Schule in Riedstadt-Goddelau, Freiherr-vom-Stein-Straße 5 (Zugang über Rhönring), zu Gast sein und seinen Roman „Flughunde“ vorstellen.  

Veranstalter der Lesung ist der Förderverein Büchnerhaus in Zusammenarbeit mit dem Kulturbüro der Stadt Riedstadt. Karten für die Veranstaltung sind zum Preis von zwölf Euro am Empfang des Riedstädter Rathauses (Rathausplatz 1, Riedstadt-Goddelau) erhältlich. Kartenreservierungen für die Abendkasse nimmt das Riedstädter Kulturbüro unter Telefon 06158 930841/2 oder per E-Mail (kultur(at)riedstadt.de) gerne entgegen.  

Flughunde sind fledermausähnliche Flattertiere mit hundeartigem Kopf. Für Hermann Karnau sind sie von Kindheit an Sinnbild einer Welt, die vor dem Zugriff fremder Stimmen geschützt ist. Die Stimme ist der Fetisch des Akustikers Karnau, der 1940 den Plan fasst, systematisch das Phänomen der menschlichen Stimme zu erkunden. Die eine Erzählstimme gehört Hermann Karnau, dessen Namen der Autor einem Wachmann im Berliner Bunker unter der Reichskanzlei entliehen hat. Die andere gehört der achtjährigen Helga, einer Tochter des Propagandaministers. Immer wieder kommt es zu Begegnungen der beiden, zuletzt im April 1945, als Karnau in Berlin ist, um die Führerstimme aufzuzeichnen.  

Ein Zeitsprung führt in den Sommer 1992. Hermann Karnau, der nach dem Krieg untertauchen konnte, findet in seinem Plattenarchiv die Stimmen, die Gespräche von Helga und Helgas Geschwistern während ihrer letzten Tage und Nächte wieder. Auch den Kindern hat er die Stimmen – bis zum letzten Atemzug – abgelauscht.  

Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler schreibt über den meisterhaften Text: „Der Roman Flughunde macht das Dritte Reich als Medien-Phänomen, als eine Erscheinungsform der akustischen Propaganda und Massensuggestion, zu seinem Thema, personifiziert in der sinistren Gestalt eines Akustikers. (…) Karnau, das Horch-Ungeheuer, ist der fürchterlichste Roman-Unhold, seit Patrick Süskind in seinem Roman Das Parfum das Geruchsmonster Grénouille erfand, das die Menschen experimentell umbrachte, um ihnen die Gerüche zu rauben.“  

Marcel Beyer, geboren am 23. November 1965 in Tailfingen/Württemberg, wuchs in Kiel und Neuss auf. Er studierte von 1987 bis 1991 Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen. Der Autor erhielt zahlreiche Preise, darunter 2008 den Joseph-Breitbach-Preis und 2016 den Georg-Büchner-Preis. Bis 1996 lebte Marcel Beyer in Köln, seitdem ist er in Dresden ansässig. 

Das Foto stammt von Jürgen Bauer, Suhrkamp-Verlag. 

Aus organisatorischen Gründen wird die Veranstaltung in die Kunstgalerie am Büchnerhaus (Riedstadt-Goddelau, Weidstraße 9) verlegt!!